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Mittwoch , 28 Oktober 2020

Eine Legende verabschiedet sich – Martin Fourcade

Foto: Andrej Ivanov

Martin Fourcade ein ungewöhnlicher Athlet. Er dominierte seine Sportart zehn Jahre. Er gewann Titel und Medaillen und brach Rekorde. Er ist Vorbild für junge Sportler. Er scheute sich nicht davor, seine Meinung zu sagen. Er war unangenehm auf der Strecke. Er ist eine Legende – im Biathlonsport und in seinem Heimatland Frankreich. 

„Danke für diese Reise. Zeit auf Wiedersehen zu sagen.“ Mit diesen Worten teilte Martin Fourcade der Welt mit, dass das Verfolgungsrennen von Kontiolahti das Letzte seiner Karriere sein wird. Ein Jahrzehnt dominierte er den Biathlonsport, lieferte sich Kämpfe mit Emil Hegle Svendsen, Simon Schempp oder Anton Shipulin. Der 31-Jährige prägte den Biathlonsport mit spannenden Duellen, großen Gesten und klaren Worten. Nun tritt der große Meister überraschend und ganz ohne Bühne ab. Genau zehn Jahre, nach dem er in Kontiolahti seinen ersten Weltcupsieg feierte, gelingt ihm ein Sieg in letzten Rennen – auf den Tag genau das gleiche Datum, der 14.März. Martin Fourcade weiß, wie man in den Köpfen der Fans bleibt.

Die Zahlen sprechen für sich. Sieben olympische Medaillen, davon fünf Goldene, 28 WM-Medaillen, 79 Einzelsiege im Weltcup, 33 Kristallkugeln und 179 Platzierungen auf dem Podium. Martin Fourcade wusste, wie man gewinnt. Über zehn Jahre war er bei jedem Weltcup Favorit und wurde dieser Rolle gerecht. Da kann nur Ole Einar Björndalen mithalten. Der Norweger war 26 Jahre im Weltcup unterwegs. Martin Fourcade beendete seine Karriere mit 31 Jahren als erfolgreichster Winter-Olympionike aus Frankreich. Zwei Mal trug er die Fahne der „Grande Nation“ bei den Olympischen Spielen. Die französische Sportzeitung „L´Equipe“ widmete Fourcade nach Verkündung seines Rücktritts die Titelseite und die nächsten fünf Seiten am Samstag und am Sonntag wieder Titelseite und vier weitere Seiten. Beachtlich, da die Welt gerade Themen wie die Corona-Krise beschäftigten und in Frankreich normalerweise König Fußball die Zeitungen füllt. Das zeigt, welchen Stellenwert der Biathlet in seiner Heimat genießt.

Er ist Frankreichs „Schneekönig“ und machte Biathlon noch bekannter. Mit Annecy – Le Grand Bornand hat sich ein Ort im Weltcup etabliert, der viele französische Biathlonfans anzieht. Das „Martin Fourcade Nordic Festival“, vom Champion persönlich initiiert, ist das Pendant zum City-Biathlon in Wiesbaden oder dem norwegischen Blink-Festival. Ein weiterer wichtiger Termin im Biathlonkalender. Für die Olympischen Sommerspiele, die 2024 in Paris stattfinden, ist Martin Fourcade Botschafter. Bereits im Jahr 2017 veröffentlichte er seine Autobiografie „Mein Traum von Gold und Schnee“- mit 29 Jahren. Welcher Prominente kann das schon von sich behaupten? Das Vorwort schrieb der deutsche Triathlet Jan Frodeno. Er beschreibt den Franzosen als „Ausnahmeerscheinung, wie es sie nur selten gibt, ein echtes Vorbild für Sportfans auf der ganzen Welt“.

 

Die Leidenschaft für Sport wurde bei Martin Fourcade als kleiner Junge geweckt. Er wuchs mit seinen beiden Brüdern, Simon und Brice, in den Pyrenäen auf. Sport gehörte in den Bergen zur Hauptbeschäftigung der Geschwister. Skilanglauf war für ihn selbstverständlich und gefiel ihm besser als Judo oder Eishockey. Martin folgte seinem älteren Bruder Simon auf das Pierre-de-Coubertin-Sportgymnasium und auf die Militärschule in Charmoix. Der jüngere Martin orientierte sich an seinem großen Bruder und wollte wie die Typen auf den Postern in seinem Kinderzimmer werden. In seiner Autobiografie schreibt er dazu: „Wenn ich etwas wirklich will, habe ich einen Dickschädel. Ich muss zum Äußersten gehen, alles dafür tun, um es zu erreichen.“

Die ersten internationalen Wettkämpfe im Biathlon absolvierte Martin Fourcade 2007 bei den Juniorenweltmeisterschaften in Martell. Im darauffolgenden Sommer entschied er sich endgültig Biathlet zu werden und wendete sich vom Langlauf ab. Schon in seiner ersten kompletten Biathlonsaison kämpfte Fourcade gegen Athleten, die er später im Weltcup wiedersah. Das waren u.a. Tarjei Boe, Simon Schempp oder Dominik Landertinger. Sein erstes Weltcuprennen bestritt der Franzose mit 19 Jahren beim Saisonfinale der Saison 2007/2008 am Holmenkollen in Oslo. Er verpasste mit Platz 61 die Qualifikation für den Verfolger um nur einen Platz, doch gehörte in der nächsten Saison zum französischen Nationalkader. Der endgültige Durchbruch in die Weltspitze gelang ihm in der Saison 2009/2010. Sowohl in den Einzel- als auch in den Staffelrennen gehörte Fourcade zu den Stammläufern seines Teams. Mit regelmäßigen Top-10-Resultaten qualifizierte er sich für die Olympischen Spiele in Vancouver und kehrte von dort mit einer Silbermedaille aus dem Massenstart zurück. Im selben Jahr gewann er sein erstes Weltcuprennen. Am 14. März 2010 steht er erstmals auf dem obersten Treppchen.

Martin Fourcade (FRA), Johannes Thingnes Boe (NOR) und Dominik Landertinger (AUT) auf dem Podest beim WM-Einzel von Antholz 2020 – Foto: Andrei Ivanov

In den nächsten Jahren ist Martin Fourcade nicht wegzudenken aus dem Biathlonzirkus. Seine erste Goldmedaille gewinnt er bei der WM im russischen Chanty-Mansijsk. Zwölf weitere folgen, dazu 10 Silberne und 5 Bronzene. Die Saison 2011/2012 beendet er als Gesamt-Weltcupführender. Die nächsten sieben Jahre kann ihm niemand diesen Titel wegnehmen. Insgesamt 33 Kristallkugeln (7x Gesamtweltcup, 5x Einzelweltcup, 8x Sprintweltcup, 8x Verfolgungsweltcup, 5x Massenstartweltcup) stehen in seinem Schrank. Das gelbe Trikot gehört zu seiner Karriere wie das Biathlongewehr. Er selbst bezeichnete es als „zweite Haut“.

Einer seiner größten Konkurrenten war Emil Hegle Svendsen aus Norwegen. Ihn bezeichnet Fourcade als seinen härtesten Gegner. Im Olympischen Massenstartrennen von Pyeongchang konnte Svendsen den Franzosen im Zielsprint schlagen. Nur wenige Zentimeter machten die Entscheidung aus. Auch die Weltmeisterschaft von Nové Mesto 2013 dominierte Svendsen mit vier Goldmedaillen. Für Fourcade blieb in diesen Rennen nur die Silbermedaille. Er revanchierte sich zur Heim-WM von Svendsen 2016, als er vier Goldmedaillen gewann. Seine Gegner versuchte Fourcade zu manipulieren. Ausladende Gesten nach dem letzten Schießen, Überholmanöver oder taktische Spielchen auf der Strecke gehören ebenfalls zu seinem Charakter. Oft eckte er damit an und wirkte arrogant. Als im Verfolgungsrennen im Dezember 2013 in Annecy sich der Schwede Fredrik Lindström mit ihm im Anstieg verhakte, schlug Fourcade mit seinem Stock nach Lindström. Auch das ist ein Teil von Martin Fourcade. Manchmal schießt er über sein Ziel hinaus. Die Internationale Biathlon Union ahndete ihn jedoch nicht für das unfaires Verhalten. Zu groß wohl die Ehrfurcht vor dem Namen Fourcade.

Der Trophäenschrank ist gefüllt – Foto: Rossignol

Dass Martin Fourcade von vielen Athleten des Weltcups geschätzt wurde, zeigte die Wahl seiner Person ins IBU-Athleten-Komitee. Dort vertritt er mit Erik Lesser, Aita Gasparin und Clare Egan die Meinung der Sportler gegenüber dem Verband. Eine Sache ist ihm dabei besonders wichtig: der Kampf gegen Doping. Oft fand der Franzose klare Worte gegen gesperrte Dopingsünder und nicht selten richtete sich sein Zorn gegen Athleten aus Russland. Bei der Weltmeisterschaft von Hochfilzen verweigerten Anton Schipulin und Alexander Loginow Fourcade bei der Flower Ceremony zur Mixed-Staffel den Handschlag, woraufhin dieser „zunächst höhnisch applaudierte und dann direkt die Szenerie verließ.“

Im April 2016 verlässt Fourcades langjähriger Schießtrainer und Freund Siegfried Mazet die französische Mannschaft. Er wechselt nach Norwegen und trainiert von da an Martin Fourcades größte Konkurrenten um Svendsen, Björndalen und die Boe-Brüder. Für Martin Fourcade eine unverzeihliche Entscheidung, die er schwer verkraftet. Er zieht sich in seine Heimat nach Villard-de-Lans zurück und trainiert allein – ohne Trainer und Mannschaftskollegen. Das seine Motivation aber weiter ungebrochen ist, zeigt die Saisonbilanz 2016/2017. Das schlechteste Einzelresultat war ein achter Platz in Oberhof. Er gewann insgesamt 14 Rennen und sicherte sich alle Kristallkugeln. Von den Weltmeisterschaften aus Hochfilzen brachte er mit fünf Medaillen mit nach Hause. Auch den Olympischen Winterspielen von Pyeongchang setzte er mit drei Goldmedaillen seinen Stempel auf.

Martin Fourcade bei den Olympischen Winterspielen von Sotschi 2014

Das nächste Jahr zeigte Martin Fourcade Schwäche. Nur Platz zwölf im Gesamtweltcup, keine WM-Medaille und sieben Rennen, bei denen er aus gesundheitlichen Gründen nicht an den Start ging. Johannes Thingnes Boe dominierte die Saison. Da konnte Fourcade nur zuschauen. Er war nicht in der Lage dem jungen Norweger die Stirn zu bieten. Das belastete ihn wohl mehr als er zugeben wollte. Vorbei die Zeit des Provokateurs, der unsympathisch und arrogant wirkte.

Doch ein Champion kehrt zurück. In seiner letzten Saison zeigte Fourcade wieder, dass mit ihm zu rechnen ist. Mit sieben Siegen und zwei kleinen Kristallkugeln verabschiedet er sich leise vom Biathlonsport. Als Weltmeister im Einzelrennen von Antholz und mit der Goldmedaille des Staffelrennens. Sicher wäre ihm ein Abschied am legendären Holmenkollen in Oslo vor tausenden jubelnden Fans gegönnt gewesen. Vielleicht hätte er auf der Zielgerade nochmal zum Telemark angesetzt. Trotzdem bleibt Martin Fourcade der erfolgreichste Biathlet der Geschichte dieser Sportart. Nun macht er Platz für junge Athleten. Sein Nachfolger steht schon in den Startlöchern. Emilien Jacquelin gewann bei der WM 2020 Gold in der Verfolgung. Sein großes Vorbild ist Martin Fourcade. Der hat nun mehr Zeit für seine Töchter Manon und Inés. Die Fans werden sich an die zahlreichen Jubelgesten des Martin Fourcades erinnern und an ungewöhnliche Zieleinläufe. Mal fuhr er rückwärts ins Ziel, oder er schnallte sich die Skier ab und ging die letzten Meter zu Fuß. 

Zeit für die Familie. Martin Fourcade hat zwei Töchter

 

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